75 Dollar – schätzt der IWF – muss ein Barrel Öl mindestens kosten, damit die Haushalte der Öl exportierenden Länder ausgeglichen sind. Davon ist der Ölpreis mit etwa 60 Dollar/Barrel aktuell weit entfernt. Um die Differenz zu finanzieren, verkaufen die OPEC-Länder bereits ihre Devisen und Geldanlagen. Mit Folgen für die Weltwirtschaft. 

Hierzulande freut man sich seit Monaten über den niedrigen Ölpreis – schließlich profitieren ganze Branchen des produzierenden und dienstleistenden Gewerbe von den geringeren Kosten und fahren damit größere Gewinne ein. Beispiele: die Kunststoff- und Chemiebranche, Automobilhersteller und -zulieferer, Reise- und Transportunternehmen.

Dank billigem Öl, aber auch allgemein gesunkenen Rohstoffkosten wie etwa für Kupfer und Eisen sparen etwa die Autobauer pro produziertem Auto bis zu 400 Euro. Continental rechnet vor, dass man 50 Cent pro Reifen spart, wenn der Ölpreis um 10 Dollar sinkt. Und dann ist da noch der Endverbraucher, der dank niedriger Energie- und Mobilitätskosten am Ende des Monats mehr Geld zum Konsum zur Verfügung hat. Die Kassen dürfen klingeln, Unternehmer und Händler freut es.

Weitaus niederschmetternder klingt da die Bilanz der OPEC-Länder: Ohne den Iran mitzuzählen werden sie in diesem Jahr 380 Milliarden Dollar durch ihre Ölexporte verdienen. Das sind 350 Milliarden Dollar weniger als 2014. Diese enormen Einnahmeverluste scheinen die deutsche Wirtschaft auf den ersten Blick nicht zu betreffen – jedenfalls nicht direkt. Dabei ist nicht nur das Gleichgewicht der jeweiligen Öl exportierenden Staatshaushalte in Gefahr, sondern auch das der weltweiten wirtschaftlichen und politischen Lage.

Sehen wir beispielsweise auf den uns am nächsten liegenden Konfliktherd Ukraine-Russland. Das Bruttoinlandsprodukt Russlands ging in diesem Jahr bereits zurück und soll nach aktuellen Hochrechnungen sogar erstmalig seit der großen Finanzkrise 2009 wieder im Minusbereich liegen. Der Rubel verlor infolge des Ölpreisrutsches sowie Wirtschaftssanktionen dramatisch an Wert, um den Kurs zu stützen, trennte sich Russland von satten 28 Prozent seiner Devisenrücklagen.

Die Abwertung des Rubels, die schrumpfende Wirtschaft sowie zunehmende Schwierigkeiten insbesondere kleinerer Unternehmen bei der (Re-)Finanzierung ihrer Bankkredite führen, so Deutschland-Direktor Christoph Witte des Kreditversicherers Credimundi, zu einer steigenden Anzahl Forderungsausfälle. Davon betroffen sind gerade auch ausländische Lieferanten.

Ähnlich brisant ist die Lage in den Schwellenländern. In Nigeria beispielsweise liegt der Anteil von Öl am gesamten Exportvolumen bei 75 Prozent. Auch hier folgten eine Abwertung der Landeswährung und Liquiditätsprobleme dem niedrigen Ölpreis. Oder Saudi Arabien, das täglich neun Millionen Fass Öl auf den weltweiten Markt befördert und dennoch schon seit einiger Zeit nicht mehr den Staatshaushalt decken kann. Auch hier entstand ein milliardenschweres Defizit, das mit dem Verkauf von Reserven gestopft werden musste.

Was passiert, wenn keine eigenen Geldvorräte mehr verfügbar sind, zeigt das Beispiel Venezuela: Seit Monaten steckt das Land tief in der Wirtschaftskrise, die Inflation liegt bei fast 70 Prozent. Nachdem die Staatsschulden erdrückend hoch und bereits Waren des täglichen Bedarfs knapp wurden, griff China mit Finanzspritzen in Milliardenhöhe ein. Ein Staatsbankrott ist dadurch jedoch noch nicht abgewendet.

Ölpreis

PDV-Tankstelle in Venezuela – eine Tochter des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, der als größter Arbeitgeber des Landes etwa 10% der Wirtschaftsleistung Venezuelas ausmacht. Täglich rund zweieinhalb Millionen Fass Öl werden gefördert, der Export durch PDVSA macht quasi den gesamten Export Venezuelas aus. Die Abhängigkeit vom Öl ist enorm. Foto: Wikimedia Commons, CC0

Noch einmal: Warum sollten uns die Liquiditätsprobleme anderer Länder kümmern, wenn wir doch vom Ölpreis profitieren? Ganz einfach: Soziale Unruhen, Staatspleiten, unversehbare Finanzströme und außenpolitische Manöver haben sofort Folgen für die wirtschaftliche und politische Lage der EU und Deutschlands. Trotz reichhaltiger Rohstoffvorkommen fehlt es den betreffenden Ländern nun an Devisen, um Investitionen tätigen zu können oder die Infrastruktur aufrecht zu halten. So wurden Anfang des Jahres alleine 28 Krankenhäuser im Großraum Moskau geschlossen.

Die Folge ist nicht nur, dass die EU und Deutschland weniger exportieren werden, auch das Risiko, mit und in den betroffenen Staaten Geschäfte zu machen, steigt deutlich. Und mit jedem Krisenherd entstehen weitere Verwerfungen, die wiederrum zu weiteren Flüchtlingsströmen führen können.

“Bleibt der Ölpreis auf niedrigem Niveau”, schätzt Christoph Witte von Credimundi noch einmal für uns ein, “schmelzen die beachtlichen Reserven der Ölförderländer im Nahen Osten und in Nordafrika zusehends dahin und müssen auch diese Länder Sparmaßnahmen ergreifen. Dies dürfte zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung führen und könnte somit mittelfristig die Stabilität der einzelnen Länder gefährden.”

Klar ist: der weltweite Wirtschafts- und Finanzkreislauf ist ein komplexes System, innerhalb dessen einzelne Staaten nie isoliert betrachtet werden können. Und dieses System ist empfindlich – gerät ein Staat in Schwierigkeiten, werden andere immer mit betroffen sein. Überschuldete Staaten, Liquiditätsprobleme, soziale Unruhen und sozialer Abbau führen nicht zuletzt auch zur Abwertung des Länderrating der betreffenden Staaten.

Die Kreditversicherer bewerten die Lage und bieten Ihnen häufig den Schutz an, den Sie für Ihr Geschäft benötigen. Haben Sie Fragen zur Lage Ihrer Geschäftspartner und/oder den Ländern, in die sie exportieren? Wir haben die Länderrisiken für Sie im Blick.

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