Handelspartner Frankreich: Bonjour!

Morgen schaut die Welt nach Aachen, wenn Emmanuel Macron und Angela Merkel mit dem Vertrag von Aachen die deutsch-französische Freundschaft (einmal mehr) bekräftigen. Beide Länder wollen sich über die Europapolitik, eine „starke gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik“ sowie einen Wirtschaftsraum mit gemeinsamen Regeln abstimmen. Wir nehmen dies zum Anlass, die Wirtschaftsbeziehungen mit unserem Nachbarn, unserem Handelspartner Frankreich, etwas genauer anzusehen.

Trottoir, Plumeau, Paraplü

Wie viel gemeinsame Geschichte wir mit unseren Nachbarn haben, hört man insbesondere im Rheinland jeden Tag. Hier, wo es immer wieder französische Besatzung gab, spaziert man nämlich über das Trottoir. Wenn es regnet, spannt man seinen Paraplü auf und abends beim Schlafengehen deckt man sich mit seinem Plumeau („Plümmo“) zu. Sehr sympathisch hat das übrigens der deutsch-französische (sic!) Fernsehsender arte erklärt. Eine Liste vieler Gallizismen halt Wikipedia bereit.

Und während der Brexit unsere englischen Nachbarn nun gerade weit von uns entfernt, soll der Vertrag von Aachen die Handelsbeziehungen nach Paris und Lyon, in die Bretagne oder Auvergne weiter harmonisieren und stützen. Mit Abkommen zu Klima, Umwelt, Gesundheit und Nachhaltigkeit wollen Merkel und Macron die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit beider Volkswirtschaften verbessern – inklusive eines „ambitionierten Klimaschutzes“. Auch in Bildung und Forschung will man zusammenarbeiten, Schul- und Berufsabschlüsse gegenseitig anerkennen.

Nun mag man sich fragen: Warum das Ganze, nach Jahrhunderten voller Auseinandersetzungen leben wir doch inzwischen längst in Frieden miteinander? Es gibt bereits Schul- und Städtepartnerschaften, viele Deutsche reisen gerne nach Frankreich, Kinder lernen die französische Sprache. Wir haben Airbus und arte, lieben Croissants und französische Weine, und hinter dem deutschen Autobauer Opel steht inzwischen der französische Konzern PSA, dessen Modelle Peugeot und Citroen seit Jahrzehnten auch hierzulande beliebt sind. Es gehe um das Zusammenwachsen in Europa, sagt die Bundesregierung. Auch im täglichen Leben, in den Grenzregionen, wo es (mehr) gemeinsame Kitas, Krankenhäuser oder Gewerbegebiete geben soll.

Alors! Zahlen bitte.

Blicken wir auf die Wirtschaftszahlen. Zunächst: Frankreich hat ein Handelsdefizit, führt seit Jahren mehr Waren ein als aus. Das liegt vorrangig am Import von Erdöl und Erdgas. Knapp zwei Drittel der eingeführten Waren kommen aus EU-Ländern, wichtigster Handelspartner ist – und da sind wir wieder beim Vertrag von Aachen – Deutschland, und das mit einigem Abstand.

Handelsbilanz Frankreich

Während Frankreichs Handelsbilanz negativ ist, produziert Deutschland bekanntlich Überschuss – den weltweit größten mit rund 300 Milliarden Dollar.

Deutsche Unternehmen sorgten 2016 für rund 19% der Einfuhren Frankreichs, rund 16 % des französischen Exportvolumens ging wiederum nach Deutschland. Zu den wichtigsten Warengruppen – in beide Richtungen – gehören Fahrzeuge und Fahrzeugteile, chemische Erzeugnisse und Maschinen. Frankreich liefert auch in viele andere Länder, unter anderem in die USA, die Benelux-Länder, nach Italien, Spanien oder Großbritannien.

export Frankreich

2017 exportierte Deutschland Güter im Wert von 105 Milliarden Euro nach Frankreich. Die Importe vom Handelspartner Frankreich kamen auf 65 Milliarden Euro. Hier sehen Sie die wichtigsten Sparten. (Zahlen: Destatis, Grafik: VIA Delcredere GmbH, 2019)

 

Vier Jahrzehnte war das Verhältnis ausgeglichen, soll heißen: Frankreich war für Deutschland genauso wichtig wie umgekehrt. Dann überholten die Niederlande, die USA und später China Frankreich als wichtigsten Handelspartner Deutschlands. Immerhin auf Platz 4 lagen unsere französischen Nachbarn aber im Jahr 2017 noch. Deutsche Unternehmen investieren dabei auch kräftig in Frankreich: 2018 Projekte zählte man 2017, Deutschland war damit der „zweitgrößte erwerbsschaffende Direktinvestor in Frankreich“, schreibt die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer. Knapp 6.000 Arbeitsplätze haben deutsche Unternehmen allein 2017 in Frankreich geschaffen.

Das Länderrisiko

Dabei dürfen sich Exporteure und Investoren über eine hohe Sicherheit freuen – auch bereits ohne Vertrag von Aachen. Der Kreditversicherer Coface etwa stuft Frankreich mit den Bestnoten A1 (=sehr niedriges Risiko / für Geschäftsklima) bzw. A2 (=niedriges Risiko / für Länderrisiko) ein. Eine hochwertige Infrastruktur, qualifizierte Arbeitnehmer, ein leistungsstarker Tourismus und wettbewerbsfähige Konzerne aus Luft- und Raumfahrt, Energie und Umwelt, Pharmazie und Luxusgütern, Lebensmittel und Einzelhandel sprechen für das Land. Schwierig – und das sehen wir unter anderem immer wieder an Unruhen in den Vorstädten sowie aktuell den Demonstrationen der Gelbwesten* – sind jedoch die niedrige Beschäftigungsquote bei jüngeren und älteren Arbeitnehmern sowie auch eine recht Verschuldung vieler öffentlicher und privater Haushalte einzuordnen. Im Index für politische Risiken stufte Coface das Land bereits 2016 nicht in der niedrigsten Gruppe ein, sondern mit einem Risikowert von 29 Prozent ganz knapp am Mittelfeld.

Zudem prognostiziert Coface für 2019 wieder mehr Insolvenzen in Frankreich. Den Hauptanteil an den Firmenpleiten hätten demnach kleine Unternehmen unter 500.000 Euro Umsatz. Neun von 13 Regionen im Land sind betroffen, besonders der Großraum Paris. Den stärksten Anstieg verzeichnen die Branchen Transport (+19,7%), Landwirtschaft und Fischerei (+15,2%), Bau (+1,9%) und individuelle Dienstleistungen (+8,8%). Diese Sektoren machen zusammen fast die Hälfte aller Insolvenzen aus.

Etwas Obacht gilt auch bei der Zahlungsmoral: Das aktuelle Barometer des Versicherers Atradius meldet, dass der Anteil der überfälligen B2B-Rechnungen in Frankreich bei durchschnittlich 47,5% liegt, nach Großbritannien ist das (Negativ-)Platz 2 unter den westeuropäischen Ländern. Der verstrichene Zeitraum ist aber noch gemäßigt: Durchschnittlich 34 Tage dauert es, bis ein französisches Unternehmen Forderungen an seinen Handelspartner begleicht. In Griechenland sind das 52 Tage, in Spanien und Italien 45 bzw. 33 Tage.

Eine Warenkreditversicherung kann Sie vor Forderungsausfällen schützen und ist für Frankreich selbstverständlich recht einfach zu erhalten. Wir verschaffen Ihnen gerne einen Überblick über Ihre Optionen. Und dass die Zusammenarbeit mit unseren französischen Nachbarn ein Gewinn ist, das weiß nicht nur unsere Bundesregierung. D’accord?

 

*Update vom 5. April 2019: Dass die Proteste der Gelbwesten anhalten und es inzwischen auch zu Ausschreitungen auf der Champs-Élysées kam, wird sich auf die Konjunktur Frankreichs auswirken. Wir erwarten, dass auch die Kreditversicherer künftig ihre Limitentscheidungen vorsichtiger treffen. Gemeinsam mit den Kreditversicherern behalten wir die Situation für Sie im Blick.

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2019-04-06T13:14:10+00:00Januar 21st, 2019|Kreditversicherung, Länderrisiken|0 Comments

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