Da war ja noch was: Fast völlig überdeckt von den Ereignissen der Corona-Pandemie steuern Großbritannien und die EU auf das Ende der Übergangsphase hin. Wird es einen Brexit-Deal geben?

Dürfen europäische Fischer ihre Netze auch in britischen Gewässern auswerfen? Dürfen deutsche Autobauer noch nach Großbritannien ausliefern? Und wie genau soll überhaupt der Warenverkehr an den Grenzen kontrolliert werden? Noch gut sechs Wochen, bis diese und weitere Fragen geklärt und (endlich) in einem verbindlichen Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien festgezurrt und niedergeschrieben sind. Seit Wochen laufen die Verhandlungen für einen Brexit-Deal auf Hochtouren, auch wenn die Öffentlichkeit wegen der omnipräsenten Corona-Pandemie nur punktuell Anteil nimmt.

Zähe Verhandlungen, weise Voraussicht

Am gestrigen Sonntag begann Chef-Unterhändler David Frost eine neue Sondierungsrunde in Brüssel, seit 22. Oktober bereits sei man damit beschäftigt, einen Deal zu vereinbaren, der „die Kontrolle über unsere Gesetze, unseren Handel und unsere Gewässer zurückerobert“, erklärte der Diplomat der konservativen Tory-Partei auf Twitter. Einige Fortschritte habe man bereits gemacht. Aber: Menschen und Unternehmen sollten sich auf den Jahreswechsel vorbereiten, ergänzt Frost, ob eine Einigung nun gelinge oder nicht.

Dies mag kompromisslos klingen, ist im Grunde aber völlig richtig und auch unsere Empfehlung: Vier Jahre nach dem Votum der Briten und mehr als neun Monate nach dem Austritt aus der EU liegt noch immer kein Handelsabkommen vor. Da ist es nur folgerichtig, dass jedes Unternehmen für sich selbst vorsorgt, am besten mit der gleichen Konsequenz und Disziplin, die Frost in Brüssel zeigen will.

Schwache Positionen, viel Arbeit

Auch David Frost – von der als harsch bekannten britischen Presse auch als „Frosty the No Man“ bezeichnet – wird seine Beharrlichkeit brauchen. Sein Heimatland leidet erneut massiv unter Corona-Pandemie, mehr als 50.000 Tote beklagt man bereits, die aktuelle zweite Welle trifft das Land erneut hart. Premier Boris Johnson musste sich nun selbst in Quarantäne zurückziehen, weil er Kontakt mit einer Corona-infizierten Person hatte. Erst im März hatte er eine Erkrankung an COVID-19 überstanden und sich angesichts der direkten Krankheitserfahrung geläutert gezeigt.

Die Schäden in seinem Land aber waren längst entstanden, gesundheitlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Zwölf Millionen Briten, so ein Bericht der Finanzmarktaufsichtsbehörde FCA, könnten bald bankrott sein. Eine weitere Erhebung rechnet mit rund 650.000 neuen Arbeitslosen allein in der zweiten Jahreshälfte. Hinzu kommen politische Erschütterungen: Mit Dominic Cummings und Lee Cain haben sich zwei zentrale Brexit-Strategen und Begleiter Johnsons zurückgezogen. Fehlende Brexit-Vereinbarungen können der britischen Wirtschaft noch mehr zusetzen. Mindestens einen Image-Schaden benannte auch das britische Oberhaus und stimmte vor ein paar Tagen gegen ein umstrittenes Binnenmarktgesetz, mit dem sich Vereinbarungen mit EU aushebeln ließen.

Mit dem von Frost angestrebten Abkommen ist es zudem nicht getan. Sind endlich die Unterschriften unter einen Brexit-Deal mit der EU gesetzt, müssen Verträge mit wichtigen Nicht-EU-Staaten wie Australien, Neuseeland und den Vereinigten Staaten geschlossen werden. Kanadas Premierminister Justin Trudeau mahnte bereits an, dass die Verhandlungen ebenfalls bis Jahresende finalisiert sein müssten.

Unklare Aussichten, eindeutige Aufgaben

Bis Donnerstag wollen Frost und sein Team nun ein Abkommen schließen. Ein folgenreicher „No Deal“ soll weiterhin vermieden werden – immerhin sind sie die verschiedenen Parteien nahezu einig. „Ein harter Ausstieg zusätzlich zur Covid-19-Pandemie und der sowieso schon schwierigen wirtschaftlichen Lage würde vor allem Großbritannien selbst sehr hart treffen“, ließ auch Ana Boata, die Leiterin Makroökonomie bei Kreditversicherer Euler Hermes wissen. „Für die Briten stehen bis zu 15% der Exporte in die EU (Volumen) und damit 13,7 Milliarden Euro (Mrd. EUR) auf dem Spiel. Zudem stünde bei einem harten Brexit 2021 ein weiterer Einbruch der britischen Wirtschaft ins Haus.“

Auch andere Länder, insbesondere Deutschland, würden von einem No Deal jedoch empfindlich getroffen, schließt sich Ron van het Hof, Euler Hermes-Chef für die DACH-Region, an. Vor allem Exporte in den Bereichen Transportmittel und -ausrüstungen, Maschinenbau, Chemie, Kunststoffe und Gummi sowie Metalle seien gefährdet, beziffert eine Studie des Kreditversicherers. (Laden Sie sich hier das PDF herunter.)

Wir werden Sie auf dem Laufenden halten – und Sie in jedem Falle dabei unterstützen, Ihre Geschäfte auf oder über britische Märkte abzusichern. Unsere oberste Empfehlung lautet daher: Sprechen Sie uns an. Wir sind für Sie da.

Gefällt Ihnen unser Artikel? Teilen Sie ihn gerne mit Ihren KollegInnen: