Am gestrigen Mittwoch protestierten unter dem Schlagwort #AlarmstufeRot Tausende Event-Techniker, -Agenturen und -Künstler, Messebauer und -veranstalter nebst angrenzenden Gewerken für Unterstützung der Bundesregierung zur Rettung der Veranstaltungsbranche. Warum dies weit über vergnügliche Stadtfeste und Live-Konzerte uns alle angeht.

Sie hatten und haben es nach wie vor schwer, gehört zu werden: Der Veranstaltungsbranche fehlt offenbar ein direkter Zugang zur Politik, für sie gab es keine Gipfel und keine Krisentreffen. Gleichzeitig erschien es weiten Teilen der Bevölkerung unmittelbar zu Beginn der Corona-Krise als völlig naheliegend, Veranstaltungen kompromisslos und flächendeckend abzusagen. Schließlich laden diese zu Begegnung und Austausch ein. Und wer kennt nicht die Bilder des üblichen Gedränges auf Popkonzerten? Wer brachte sich nicht schon mindestens einmal den typischen Messe-Schnupfen mit, eingefangen beim gemeinsamen Kaffee in zugigen Messehallen oder beim Social Event in stickigen Kneipen?

Veranstaltungsbranche #AlarmstufeRot

Man demonstriere nicht gegen Hygieneauflagen oder Corona-Regelungen, auf diese Botschaft legten die Organisatoren großen Wert. Ihnen geht es um eine wirtschaftliche Perspektive. Dazu legten sie unter anderem ein Papier vor, das zentrale Forderungen der Branche wie Überbrückungs- und Kreditprogramme zusammenfasst. Bild: (c) #AlarmstufeRot, Fotograf: Manuel Weidt.

Dienstreiseland Deutschland

Und dennoch: Exakt diese Messen sind es, die unsere Unternehmen – aller Branchen – brauchen. Rund die Hälfte aller Geschäftsreisen in oder nach Deutschland würden aufgrund von Veranstaltungen getätigt, zitierte Christian Seidenstücker anlässlich der Pressekonferenz des #AlarmstufeRot-Aktionstags aus einer soeben finalisierten Metastudie zur Branche. Seidenstücker ist Gründer und Vorstand einer der größten Eventagenturen Deutschlands – der JOKE Event AG – und hat sich in den vergangenen Wochen sehr intensiv mit den Zahlen der Branche auseinandergesetzt. „88 Prozent dieser Veranstaltungen sind wirtschaftsbezogene Anlässe: Kongresse, Vertriebstage, Produktpräsentationen oder auch Messen“, führte er aus. Nur 12 Prozent entfallen demnach auf Oktoberfest, Musikfestival oder etwa Volksläufe. Die Veranstaltungen, die sich zuerst vor unseren Augen formen, haben demnach sicherlich eine hohe gesellschaftliche, nicht aber die höchste wirtschaftliche Bedeutung.

Grundlegend sei die Veranstaltungsbranche mit 130 Milliarden Euro Umsatz und einer Million direkt Beschäftigten der sechstgrößte Wirtschaftsbereich der Bundesrepublik, berichtete Seidenstücker weiter. Zwischen 80 und 100 Prozent dieser Umsätze habe man in den vergangenen sechs Monaten eingebüßt. Zusätzlich stehen Umsätze weiterer 300.000 Betriebe zur Disposition, die von Veranstaltungen abhängig sind – etwa der Gastronomie und Hotellerie oder dem Einzelhandel. Nach den USA und China sei Deutschland „die drittwichtigste Veranstaltungsdestination weltweit“, schloss Seidenstücker seinen Vortrag.

Die Waschmaschine auf Tournee

Die Branche bringt demnach direkt Geld in die Kassen der Veranstalter, Dienstleister und Kommunen vor Ort. Ganz wesentlich aber tragen gerade die Messen zum Geschäftserfolg aller Unternehmen und Branchen Deutschlands bei, indem sie als Platz für Neukundengewinnung und Auftragsanbahnung dienen. Weltweit führende Messeveranstaltungen finden hierzulande statt, darunter die IAA, die Frankfurter Buchmesse, die Grüne Woche, die Anuga oder die Hannover Messe, allesamt wesentliche Orte zur Akquise und zum Lizenzgeschäft. Oder denken Sie an die Möbelmesse und die Eisenwarenmesse: Diese etablierten Messen geben oftmals den Takt einer ganzen Branche vor, sie bestimmen über Neuentwicklung und Lebenszyklus eines Produkts.

Zu den großen Namen kommen Tausende kleinere Events: Ein Kamera-Hersteller möchte Journalisten zur Präsentation seines neuen Modells auf die Zugspitze bringen? Ohne erfahrene Eventagentur unmöglich.  Ein Haushaltsgerätehersteller möchte seine neue Waschmaschine in mehreren Städten seinen wichtigsten Vertriebspartnern vorstellen? Gesucht sind Messebauer und Eventtechniker. Kurz gesagt: Wenn es darum geht, Neuheiten vorzustellen und Kollaborationen anzustoßen, braucht die deutsche Wirtschaft eine Bühne.

Wenn die Auftragsbücher abgearbeitet sind

Kultur hält die Gesellschaft zusammen – so und ähnlich äußerten sich einige Politiker anlässlich der #AlarmstufeRot-Aktion. Letztlich ist dies aber „nur“ die Spitze des Eisbergs, denn all die Konferenzen, Messen, Produktpräsentationen, Presse- und Kundenevents, Karrieretage, Firmen- und Verbandsfeiern, Tag der Offenen Türen, Jubiläumsveranstaltungen und vieles mehr: Sie sind ein entscheidender Motor für unseren Mittelstand. Sie transportieren den besonderen Glanz eines neuen Produkts, sie führen Geschäftspartner und Kollegen zusammen und sie bringen Neugeschäft.

Es sei wichtig, die gesamtwirtschaftliche Bedeutung dieser Branche zu erkennen, dafür sprachen sich die Organisatoren des Aktionstags aus. Und sicher – auch wenn die Budgets für Marketing und Vertrieb wegen der Krise in vielen Unternehmen geschröpft sind: Wenn der Mittelstand, das Rückgrat unserer Wirtschaft, wieder wachsen soll, wenn seine Auftragsbücher wieder gefüllt werden sollen, dann ist es an der Zeit, verlässliche Konzepte für die (sichere) Durchführung von Unternehmens-, Branchen- und Wirtschaftsevents zu erstellen. Die Veranstaltungsbranche ins Licht zu rücken und gemeinsam ihre Regler hochzudrehen. Damit sie gesehen und gehört wird – und unsere Unternehmen im Jahr 2021 endlich wieder Neugeschäft von Messen mitbringen können.

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